Das Honorativsystem des Koreanischen

und verbale Hoeflichkeit im Deutschen

- unter besonderer Beruecksichtigung pragmatischer Aspekte

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[Inhaltsverzeichnis]

0. Einleitung

1. Die personale Beziehung in der Sprache

2. Grammatische Kategorie "Person"

3. Drei Typen von Honorativ im Koreanischen

4. Die Verwendung des Honoraivs im Koreanischen

und die der Anrede im Deutschen

5. Universales pragmatisches Prinzip

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis


 

Im Koreansichen gehoeren hoeflichkeitsbezogene Bedeutungen zu jedem verbalen Praedikat, und sie bilden in der koreansichen Grammatik eine eigene Kategorie, den sogenannten Honorativ. In dieser Kategorie erscheint die gegenseitige Einschaetzung von Sprecher und Hoerer, ausserdem die Einschaetzung eines Redegegenstandes durch den Sprecher "versprachlicht", was die Angemessenheit von Respektsbeziehung oder umgekehrt informaler Freundlichkeit, also von Charakteristiken fuer Kommunikationssituationen angeht. Der Gebrauch der betreffenden sprachlichen Formen greift in die bestehende Kommnunikationsituation ein und laesst sich von dieser Seite her bestimmen, aber die Formen sind selbstverstaendlich auch immer schon von der Seite des Sprachsystems her bestimmt. Im Deutschen dagegen zeigt sich ein sprachliches Hoeflichkeitssystem am ehesten bei den Personalpronomina, wo man sich zwischen dem Duzen und dem Siezen zu entscheiden hat, aber es scheint fraglich, ob dies eine Frage der Sprache selbst und nicht vielmehr ihrer Anwendung ist. Das Siezen kann so beschrieben werden, dass Pronominalformen, die sonst nicht in der Anrede gebraucht werden, fuer die hoefliche Anrede gebraucht werden. Dabei zeigt sich im Siezen eine nicht sprachlich, sondern situativ vorgegebene Kategorie, bei deren Identifizierung der Formenbestand der deutschen Sprache nicht zu Hilfe gezogen werden kann.

In Aeusserungen deutscher Sprecher, die sich auf ihren eigenen Sprachgebrauch beziehen und dabei im Stande sind, etwa zu sagen: "Ich sage "Sie" nicht im hoeflichen Sinne" (Im Fernsehen gehoert), wird deutlich, dass es beim Siezen als sprachlich einheitlicher Taetigkeit situative Unterschiede gibt: man kann also auch unhoeflich siezen, offenbar mit dem Ziel, die Nicht-Intimitaet bzw. die Distanz auszudruecken, die normalerweise im hoeflichen Respektsausdurck mitgemeint ist. Vermutlich gibt es auch ein Siezen, das zwar Respekt, nicht aber auch Distanz ausdrueckt. Es geht jedenfalls um zwei verschiedene Dimensionen, bei deren Feststellung fuer das Deutsche die Schwierigkeit vor allem darin liegt, dass die Kategorie nur situativ und nicht auch sprachlich gegeben ist. Da nun das Koreanische in seinem Hoeflichkeitssystem die Dimensionen Respekt und Distanz aufweist, also fuer diese Dimensionen Formen hat, bei denen leicht geprueft werden kann, welches die situativen Voraussetzungen dafuer sind, dass sie angewandt werden muessen, bietet sich das Koreanische als Hilfssprache bei der Beschreibung des deutschen Hoeflichkeitsausdrucks geradezu an. Der koreanisch-deutsche Sprachvergleich kann damit rechnen, dass die auf der Seite des Deutschen zu erwartende Variation, die dort nicht oder nur auf dem Weg der unsystematischen Auflistung beschreibbar ist, sich auf der Seite des Koreanischen mit einem System grammatischer Ausdruecke korrelieren laesst.

Beim Vergleich hat sich mir sehr deutlich als die Hauptschwierigkeit fuer die Bearbeitung des Themas die Besonderheit des pragmatischen Ansatzes gezeigt, der zwar sehr gut auf die kommunikativen Situationen einzugehen erlaubt, in denen Hoeflichkeit realisiert wird, der sich aber eben dadurch von der klassifikatorischen Eindeutigkeit grammatischer Beschreibungen entfernt. Ich bin davon ausgegangen, dass die Grammatik eine linguistische Kerndiziplin ist, in dem Sinn, dass sie Sprachsysteme untersucht und dass von einer solchen Untersuchung der Sprachsysteme selbst eine Betrachtung der Anwendung von Sprachsystemen unterschieden werden kann und moeglichst unterschieden werden soll.

Ich sehe das wichtigste Ergebnis einer Betrachtung von Sprachsystemen darin, dass sie es erlaubt, die Verschiedenheit von Sprachen als die Verschiedenheit ihrer Systeme zu beschreiben. Umgekehrt wird in einer pragmatischen Perspektve, durch die Betonung des Sprachgebrauchs, ein situativer Rahmen deutlich gemacht, innerhalb dessen die verschiedenen Sprachen vergleichbar werden. Es hat sich als besonders fruchtbar erwiesen, dass die Gesamtkategorie der Hoeflichkeit in den beiden untersuchten Sprachen sehr unterschiedlich vertreten ist. Im Deutschen ist es eine vor allem situativ, mit stilistischen Mitteln ausgedrueckte Kategorie, im Koreanischen dagegen eine Kategorie der Grammatik des Verbs und zum Teil auch des Substantivs. Danach habe ich versucht, diese Besonderheit des koreanischen Hoeflichkeitsausdrucks fuer die Beschreibung des pragmatischen Phaenomens beider Sprachen nutzbar zu machen. Die pragmatischen Unterschiede werden im Koreansichen in der Grammstik sozusagen sichtbar, und ein vom Koreanischen ausgehender Sprachvergleich verspricht, innerhalb der Gesamtkatorie Dimensionen aufzuzeigen, die auch fuer den Hoeflichkeitsausdruck im Deutschen relevant sind, weil es um vergleichbare Kommunikationssituationen geht.

Hoeflichkeit ist eine pragmatische Funktion, die nur in Bindung an bestimmte situative Konstellationen generalisiert werden kann, was methodisch z.B. durch die Untersuchung von Sprechakttypen oder von Schemata der Gespraechsorganisation ermoeglicht wird. In diesem Sinne postuliert Weydt einen "pragmatischen Mechanismus" (Weydt 1983, 276), in dem viele Raedchen, d.h. unter anderem auch mehrere sprachliche Formen, zusammenspielen und erst in ihrer Gesamtheit hoeflich - oder eben unhoeflich - sind.

Nach der Tonbandaufnahme und Intermorphemic Tranlation habe ich festgestellt, dass die Grundstrategie sprachlicher Interaktion im Koreanischen und im Deutschen im Grunde genommen gleich ist. Die Strategie laesst sich mit Goffmans FTA-Modell (=Vermeidung Image-bedrohender Akte : face-threatening acts) erklaeren. Diese Feststellung ist mir sehr wichtiger Anlass, um weitere universale Grundstrategien sprachlicher Interaktion anzunehmen und herauszuarbeiten und diese nach pragmatischen Prinzipien zu erklaeren und zu systematisieren. Die Annahme solcher Universalien scheint deshalb noch begruendeter, weil Koreanisch und Deutsch historisch und kulturell nicht miteinander verwandte Sprachen sind.

(Ǹ : , 15, ѱ ȸ, 1997, pp. 191-216)